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Kreuzfahrten auf dem Rhein

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Kreuzfahrten liegen im Trend: Rund zwei Millionen Deutsche machen jährlich Urlaub auf dem Wasser, Tendenz steigend. Und das nicht nur auf hoher See, sondern auch im Binnenland. Flusskreuzfahrten werden zunehmend beliebter. Fast lautlos gleitet man an Burgen, Schlössern oder Stadtpanoramen vorbei und erhält neue Blicke auch auf bekannte Regionen. Davon profitieren nicht zuletzt Städte wie Mainz oder Rüdesheim, wo große Flusskreuzfahrtschiffe auf den als romantisch angepriesenen Rheinreisen von Basel bis Rotterdam Station machen.

Austernfrühstück inklusive

Die Kreuzfahrt ist eine deutsche Erfindung: Anfang 1891 schickt Albert Ballin, Direktor der Hamburg-Amerika-Linie (Hapag), mit der „Augusta Victoria“ den ersten Luxusdampfer auf Vergnügungsreise ins Mittelmeer, Bordkapelle und Austernfrühstück inklusive. Das Konzept kommt an, andere Nationen ziehen nach, und aus der Idee wird ein großes Geschäft. Bereits Ende des 19. Jahrhunderts gehören Mittelmeer, Norwegen und die Karibik zu den beliebtesten Kreuzfahrt-Destinationen.

Bei der Flusskreuzfahrt dauert es etwas länger. Dabei gibt es Flussreisen schon in der Antike – beeindruckende Relikte sind im Mainzer Museum für Antike Schifffahrt zu sehen. Auch im Mittelalter bleiben Flüsse die Hauptverkehrsadern in Europa. Flussabwärts ist die Fahrt verhältnismäßig einfach. Man kann das Schiff oder Floß gemütlich treiben lassen und muss sich allenfalls vor Untiefen oder Felsen in Acht nehmen. Das Rheinknie am „Binger Loch“ ist bis zu den gezielten Felsensprengungen im 19. Jahrhundert praktisch unpassierbar, der Loreleyfelsen ebenso gefürchtet wie sagenumwoben. In der Romantik wird die Loreley von Clemens von Brentano ebenso literarisch verewigt wie von Heinrich Heine, dessen Loreley-Lied „Ich weiß nicht, was soll es bedeuten…“ zum deutschen Kulturgut gehört.

Flussaufwärts – gegen die Strömung – bleibt die Fahrt mühsam. Bis zum Aufkommen der Dampfmaschine im 19. Jahrhundert gibt es nur die Muskelkraft – von Menschen, Pferden oder Zugochsen. Noch heute säumen „Treidelpfade“ oder „Leinpfade“, von denen aus die Schiffe per Leine geschleppt wurden, die Ufer der Flüsse, häufig ausgebaut zu Rad- oder Wanderwegen. Im Gegensatz zu rumpelnden Kutschen auf schlechten Landstraßen hat eine Flussfahrt zumindest stromabwärts etwas Ruhiges – ganz so, wie es heute noch viele Flussreisende schätzen. Der junge Johann Wolfgang von Goethe genießt eine Fahrt mit dem Marktschiff von Frankfurt nach Mainz. Diese Bequemlichkeit des Reisens schätzen im frühen 19. Jahrhundert auch britische Touristen, als sie die Rheinromantik im Mittelrheintal für sich entdecken und das Burgenpanorama an sich vorüberziehen lassen.

Überhaupt ist das 19. Jahrhundert ein Zeitalter rasanter Entwicklungen. Der Dampfantrieb lässt auf Flüssen einen fahrplanmäßigen Schiffsbetrieb zu. Die Regulierung der großen Flüsse macht etwa Rhein und Donau auch für Schiffe mit größerem Tiefgang befahrbar. Bereits 1825 gründen Kölner Kaufleute die „Preußisch-Rheinische Dampfschifffahrt-Gesellschaft“ (PRDG). Die „Concordia“ ist das erste deutsche Dampfschiff auf dem Rhein. Mit ihrer Fahrt am 1. Mai 1827 von Düsseldorf nach Köln beginnt der Linienverkehr auf dem Rhein, die Preußisch-Rheinische Gesellschaft nimmt den Betrieb im Personen- und Eilgüterdienst auf der Strecke von Mainz bis Köln auf. 1836 folgt die „Dampfschifffahrts-Gesellschaft für den Nieder- und Mittelrhein“ mit Sitz in Düsseldorf – beides sind Vorläufergesellschaften der heutigen Linie „Köln-Düsseldorfer“ (KD). Auf dem Raddampfer „Goethe“, 1913 in Dienst gestellt und heute noch im touristischen Pendelverkehr zwischen Koblenz und Rüdesheim unterwegs, lässt sich die glanzvolle Epoche nachempfinden – auch wenn aus dem nostalgischen Schiff 2008 die Dampfmaschine ausgebaut wurde und die „Goethe“ stattdessen mit einem dieselbetriebenen Hydraulikmotor unterwegs ist.

In 30er Jahren übernachtete man kaum auf dem Schiff

Doch noch in den 1930er Jahren ist eine Flusskreuzfahrt mit Übernachtung an Bord für das deutsche Publikum ungewöhnlich. Zwar bietet die NS-Organisation „Kraft durch Freude“ kostengünstige mehrtägige Dampferfahrten auf dem Rhein an. Aber gefahren wird nur tagsüber, übernachtet in kleinen Pensionen an Land. Die Traumschiffe des Dritten Reichs sind auf hoher See unterwegs: die schneeweiß gestrichenen Schwesterschiffe „Robert Ley“ und „Wilhelm Gustloff“, die nach Kriegsbeginn zum Lazarettschiff wird und zehntausende Menschen aus Ostpreußen evakuieren soll. Mit dem Namen der „Gustloff“ verbindet sich eine der größten Katastrophen der Schifffahrtsgeschichte: Anfang 1945 wird das Schiff durch ein sowjetisches U-Boot versenkt: Über 9000 Menschen kommen ums Leben.

Nach dem Zweiten Weltkrieg starten Kabinenkreuzfahrten auf dem Rhein als Ausdruck der Wirtschaftswunderjahre, beispielsweise mit der KD Deutsche Flusskreuzfahrten, einer Tochtergesellschaft der Köln-Düsseldorfer. Der Reiseschriftsteller und Nick-Knatterton-Erfinder Manfred Schmidt wagt sich in den 1960er Jahren auf eine weinselige Schiffstour von Mainz nach Köln und findet beim Landgang in der Rüdesheimer Drosselgasse so ziemlich alles vor, aber keinen Hauch von Rheinromantik. In den 1980er Jahren steigt die Deilmann-Reederei, bekannt durch das „ZDF-Traumschiff“ MS Deutschland, in den Flussschifffahrt-Markt auf Donau und Elbe ein. Mittlerweile sind viele Anbieter auf dem Markt.

Mehrtägige Flussreisen auf Kabinenschiffen kann man auf fast allen Kontinenten unternehmen. In Osteuropa sind dies Wolga und Dnjepr sowie die Flüsse, Seen und Kanäle zwischen Moskau und St. Petersburg. In Süd- und Westeuropa locken Po und Douro. Wer es exotischer mag, schippert auf Nil, Jangtsekiang, Mekong oder Irrawaddy oder bucht eine Luxus-Raddampferfahrt auf dem Mississippi. Auch eine Verbindung aus Fluss- und Seereise ist möglich, mit Expeditionsschiffen auf dem Amazonas zum Beispiel. Einer der „Klassiker“ ist aber bis heute der Rhein.